Die unsichtbaren Jäger in HTML      
 
         
  An einem späten Samstag Nachmittag verließen drei Brüder das Dorf Ulwas am Fluß Coco in Nicaragua. Sie machten sich auf den Weg, um Wildschweine, die ein so köstlich schmeckendes Fleisch haben, zu jagen. Nachdem sie eine Stunde durch den Busch gelaufen waren, hörten sie eine Stimme. "Dar. Dar. Dar." rief die Stimme. Die Brüder hielten an, schauten umher, konnten aber niemanden entdecken. Da hörten sie die Stimme erneut. "Dar. Dar. Dar." Die Stimme kam von einer Ranke, die von einem Baum vor ihnen herunter hing.    
         
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  Der erste Bruder griff nach der Ranke. Im gleichen Moment war er ver-schwunden. Dann griff der zweite Bruder nach der Ranke und verschwand genau so. Der dritte Bruder schrie vor Furcht: "Was hast du mit meinen Brüdern getan?" "Ich habe deinen Brüder nichts zuleide getan," antwortete die Stimme. "Wenn sie mich loslassen, wirst du sie wieder sehen." Die ersten beiden Brüder ließen die Ranke los und wurden sofort wieder sichtbar. "Wer bist du?" fragten die Brüder verwundert. "Ich bin der Dar," sagte die Stimme. "Wenn ihr mich haltet, können euch weder Mensch noch Tiere sehen."    
         
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  Die Brüder entdeckten schnell, wie der Dar ihnen helfen könnte. "Wir könnten uns an die Tiere heranschleichen, ohne daß diese uns sehen." "Dann könnten wir sie leicht mit unseren Speeren erlegen." Jeder der Brüder wollte nun ein Stück von dem Dar haben. Sie griffen danach, aber die Ranke schwang weg und verschwand. "Bevor ihr etwas von meiner Macht nehmt, müßt ihr mir versprechen, sie gut zu gebrauchen," sagte der Dar. "Wir werden dir alles versprechen," sagten die Brüder. "Als erstes müßt ihr versprechen, niemals das erlegte Wild zu verkaufen. Ihr müßt es weitergeben, verschenken. Zum Zweiten müßt ihr versprechen, niemals mit Gewehren zu jagen. Ihr dürft nur mit euren Speeren die Tiere erlegen."    
         
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  Die Brüder hatten niemals das erlegte Wild verkauft. Sie hatten es immer ihren Leuten im Dorf gegeben, und sie hatten niemals mit Gewehren, sondern immer nur mit ihren Speeren gejagt. Sie kannten gar keine andere Möglichkeit zu jagen. "Wir versprechen es," sagten sie. So erlaubte der Dar jedem von ihnen, ein kleines Stück von der magischen Ranke zu nehmen. An diesem Tag hatten die Brüder einen großen Jagderfolg. Nachdem sie viele Wildschweine erlegt hatten, legten sie ihr Stück von der magischen Ranke auf den Baum zurück und machten sich auf den Weg nach Hause.    
         
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  Die Leute aus dem Dorf begrüßten die Brüder mit großer Freude. Sie bereiteten die Tiere zum braten über einem Feuer. Bald erreichte der köstliche Duft gebratenen Fleisches jede Hütte in dem Dorf. Als das Fleisch gar war, teilten die Brüder das Fleisch mit allen. Niemals hatten die Einwohner von Ulwas so gut gegessen. Später am Abend fragten die Ältesten des Dorfes die Brüder, wie sie denn so viel hätten jagen können. Die Brüder erzählten ihnen die Geschichte und auch von ihrem Versprechen, das sie dem Dar gegeben hatten. "Das ist wahrlich ein großes Glück," sagten die Ältesten. "Wir haben von dieser Ranke gehört. Sie ist sehr alt und mächtig. Solange ihr euer Versprechen haltet, wird es unserem Dorf gut gehen und unsere Leute werden euch ehren."    
         
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  Mit Hilfe des Dar wurden die Brüder berühmte Jäger. Geschichten über sie wurden in allen Dörfern entlang des Coco und weit darüber-hinaus erzählt. Eines Tages kam ein Boot mit zwei Fremden in Ulwas an. Die Fremden begrüßten die Brüder und überreichten ihnen Geschenke: schöne, farbige Stoffe und Kisten mit Wein. "Wir sind so viele Tage gereist, um die berühmten Jäger kennen zu lernen," erzählten sie. Die Brüder luden die Männer ein, mit ihnen zu essen. Nach dem Essen erzählten die Fremden den Brüdern, daß sie Händler seien. Sie seien gekommen, um von ihnen Wildschweinfleisch zu kaufen. "Wir können das Fleisch nicht verkaufen," sagten die Brüder. Sie erinnerten sich ihres Ver-sprechens an den Dar. "Wir erlegen die Wild-schweine, deren Fleisch unsere Leute dann essen."    
         
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  Die Händler lachten: "Wir hätten niemals gedacht, daß so große Jäger so dumm sein könnten. Natürlich werden eure Leute zu essen haben. Wir wollen nur das Fleisch kaufen, das sie nicht verzehren." Die Brüder gerieten in Versuchung. "Vielleicht könnten wir nur ein bisschen Fleisch verkaufen," sagte der erste Bruder. "Aber der Dar wird es erfahren," sagte der zweite Bruder. Die Brüder sahen sich irritiert an. Dann sagte der dritte Bruder: "Wir haben gesehen, daß die Händler kluge Männer sind. Ihre Macht muß größer sein als die Macht des Dar." Die Brüder nickten. Es würde nicht geraten sein, die Händler zu verärgern. So begannen die Brüder, Fleisch zu verkaufen. Die Händler kamen oft in das Dorf Ulwas zurück. Jedes mal brachten sie mehr Geld für die Jäger mit. Jedes mal nahmen sie mehr Fleisch mit. Bald mußten die Brüder sich sorgen, nicht genug Fleisch für ihre Leute übrig zu behalten.    
         
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  Über diese Sorge lachten die Händler. "Es ist eure eigene Schuld, mit Speeren zu jagen," sagten sie. "Aber wir haben immer mit Speeren gejagt." "Das ist der Grund, weshalb ihre eure Leute nicht mehr satt bekommt. Ihr müßt schneller jagen können. Ihr braucht Gewehre." Die Brüder überlegten. "Wenn wir Gewehre kaufen würden, könnten wir mehr Wild erlegen," sagte der erste Bruder. "Wir könnten Fleisch an die Händler verkaufen und auch unsere Leute versorgen." "Aber was wird mit uns geschehen?" fragte der zweite Bruder. Der dritte Bruder lachte, bevor er antwortete: "Wir werden kluge Männer werden, wie die Händler." So begannen die Brüder mit Gewehren zu jagen. Sie hatten ihr Ver-sprechen an den Dar vollständig vergessen.    
         
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  Nach und nach wandten sich ihre Herzen von ihren Angehörigen im Dorf ab. Je mehr Fleisch sie nach Hause brachten, um so mehr verkauften sie an die Händler. Sie gewöhnten sich alllmählich an all die Dinge, die sie mit dem Geld kaufen konnten. Die Ältesten sprachen ein ernsthaftes Wort mit den Brüdern: "Ihr müßt unsere Bevölkerung ernähren, sie sind hungrig." Die Brüder antworteten ärgerlich: "Wenn sie Fleich haben wollen, können sie uns bezahlen, wie es die Händler tun!"    
         
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  Aber die Menschen im Dorf hatten kein Geld. Sie begannen schon außerhalb des Dorfes auf die Jäger zu warten. Wenn die Jäger mit den erlegten Tieren beladen zurückkamen, ver-langten die Leute nach Nahrung. "Kluge Menschen verschenken nichts, was sie ver-kaufen können," sagten die Jäger zueinander. So gaben sie ihren Leuten verdorbenes Fleisch, das sie nicht mehr verkaufen konnten. Die Menschen wurden wütend. "Seid ihr nicht mehr unsere Brüder?" riefen sie. Die Jäger lachten und gingen ihrer Wege. Sie stießen sogar die Ältesten beiseite, als diese versuchten, mit ihnen vernünftig zu reden.    
         
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  Viele Monate vergingen. Eines Tages, als die Brüder wieder einmal in das Dorf zurück-kehrten, kamen nicht, wie gewöhnlich, die Leute, um sie zu umringen. Stattdessen rannten sie weg. Einige hielten sich die Augen zu und begannen zu schreien. Andere starrten ungläubig auf die Prozession, die sie sahen: Tote Wildschweine, die sich langsam durch die Luft bewegten. Nur die Ältesten ver-standen, was passiert war. "Der Dar hat die Jäger unsichtbar gemacht," sagten sie. Das war wahr. Die Brüder waren unsichtbar. Sie hatten ihr Stück von dem Dar an dem Baum zurückgelassen, wie sie es immer taten, aber sie blieben unsichtbar. Irgendetwas war schief gelaufen. Sie legten die erlegten Tiere, die sie trugen, ab und rannten zurück in den Busch zu dem Baum.    
         
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  "Was hast du getan?" fragten sie voller Angst den Dar, aber dieser antwortete ihnen nicht. Die Brüder fielen auf die Knie und baten um Hilfe. Aber der Dar wiederholte nur immer-wieder seinen Namen: "Dar. Dar. Dar." Nun begriffen die Brüder, was für schreckliche Dinge sie getan hatten und schämten sich. Weinend machten sie sich auf den Heimweg.    
         
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  Schon vor dem Dorf erwarteten sie die Ältesten. Die Brüder baten um Vergebung, aber die Ältesten waren nicht bereit ihnen zu vergeben. "Von diesem Moment an seid ihr aus Ulwas verbannt," sagten sie. "Nie wieder werdet ihr mit uns zusammen leben." Die Brüder baten noch um eine Chance. "Wie können wir ohne unsere Familien leben," riefen sie aus. Aber die Ältesten wandten sich ab und gingen weg. So verließen die Jäger ihr Dorf für immer. Sie wanderten entlang des Coco, bis sie zu den Wasserfällen von Carizal kamen und riefen dabei unentwegt nach dem Dar und baten ihn, sie wieder sichtbar zu machen.    
         
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  Einige der Miskito Indianer am Coco erzählen noch heute, daß die Jäger auch nach all den vielen Jahren immer noch umherwandern. Einige erzählen, daß sie den Jägern im Busch begegnet seien. Sie wissen, daß das wahr ist und sagen, sie hörten Stimmen, die riefen: "Dar. Dar. Dar."    
         
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